Das Ende der Notlüge
Werden Menschen immer unverbindlicher – oder trauen sie sich nur, ehrlich zu sein? Ein Coaching-Blick auf einen leisen Kulturwandel
„Thomas, ich fühl's heute einfach nicht."
Ein Geschäftsführer, den ich über einen längeren Zeitraum begleitet habe, erzählte mir diese Szene im Coaching. Eine Mitarbeiterin, Akademikerin Ende zwanzig, hatte ihn morgens angerufen und genau diesen Satz gesagt. Er verstand sie zunächst nicht – schlicht, weil es nicht seine Sprache ist. „Lena, ich habe dich nicht ganz verstanden. Du fühlst dich nicht gut? Bist du krank?" – „Nein, nein, ich bin nicht krank. Ich fühl's heute nur nicht."
Was sie meinte: Ihr war heute nicht danach. Keine Lust, keine Motivation, zur Arbeit zu gehen. Keine erfundene Migräne, kein kränkelnder Verwandter. Einfach die Wahrheit.
Er schilderte mir, dass ihn dieser Anruf an eine Grenze brachte. Und stellte die Frage, die mir derzeit immer häufiger begegnet: Werden Menschen eigentlich immer unverbindlicher?
Die Beispiele häufen sich, quer durch alle Ebenen. Mitarbeitende sagen zu, ein Konzept bis zu einem Termin zu liefern, und tun es dann nicht – nicht vollständig, nicht rechtzeitig, und ohne erkennbar schlechtes Gewissen. Führungskräfte erzählen mir Sätze wie: „Das hätte ich mich früher nie getraut – einfach nicht abzuliefern und mich nicht einmal richtig zu entschuldigen." Umgekehrt berichten Mitarbeitende dasselbe über ihre Vorgesetzten: keine Rückmeldung, keine Antwort auf E-Mails, Zusagen, die im Sand verlaufen.
Auch in meinem eigenen Unternehmen, der HR Akademie München, erlebe ich es. Wir werden von Kunden um ausgearbeitete Angebote gebeten, und danach folgt manchmal Funkstille; erst nach dem zweiten, dritten Nachfassen kommt ein „Ach, das ist inzwischen gar kein Thema mehr – das nehmen wir frühestens Mitte 2027 wieder in Angriff." Das Auffällige ist nie die Absage selbst. Es ist die Selbstverständlichkeit, mit der sie geschieht.
Der bequeme Schluss läge nahe: Früher war eben alles verbindlicher, und heute geht es bergab. Diesen Schluss teile ich nicht. Ich glaube, wir übersehen dabei etwas Entscheidendes. Meine These: Es ist nicht das Ende der Verbindlichkeit. Es ist das Ende der Notlüge.
Ich vermute, dass die Menschen gar nicht unverbindlicher geworden sind. Sie trauen sich heute nur, offen zu sagen, was früher hinter einer Erklärung verborgen wurde. Wer keine Lust hatte, wem etwas gerade zu viel war, wer eine attraktivere Option hatte – der erfand früher einen Grund. Man saß am Telefon und schilderte minutenlang, warum man später kommt, früher geht oder etwas nicht fertig wurde. Heute steht man einfach dazu.
Das ist, bei allem Unbehagen, zunächst einmal eine gute Nachricht. Denn es bedeutet: weniger Ausreden, weniger kleine Lügen, mehr Klartext. Um zu verstehen, warum mich das trotzdem nicht ganz beruhigt, hilft mir ein Modell, das zu meinen liebsten in der ganzen Coaching-Arbeit gehört. Das Wertequadrat.
Das Wertequadrat, macht etwas Kluges sichtbar: Zu jedem Wert gehört ein Schwesterwert, und beide halten sich in gesunder Balance. Oben stehen sich hier zwei Werte gegenüber – die Ehrlichkeit und die Diplomatie. Sie sind kein Widerspruch; sie brauchen einander. Kippt aber ein Wert ins Übermaß, wird er zu seiner eigenen Entwertung. Übertriebene Diplomatie wird zur Lüge – zur Ausrede, zur Notlüge. Übertriebene Ehrlichkeit wird zur verletzenden Konfrontation.
Ich erinnere mich, dass ich als Kind sehr oft den Satz hörte: „Das muss man diplomatisch lösen." Und ich erinnere mich auch, dass mich das leise traurig machte. Es hieß ja: Du darfst nicht einfach sagen, dass du keine Lust hast oder dass dir etwas zu viel ist. Du musst es verpacken, damit der andere sich nicht verletzt fühlt. Rückblickend war das, was wir „Diplomatie" nannten, oft schon die Übertreibung – die Notlüge. Und doch steckte in dieser Notlüge auch etwas anderes: ein Beziehungssignal.
Der Inhaber einer großen Physiotherapiepraxis, den ich über längere Zeit begleitet habe, brachte es auf den Punkt. Er erzählte, dass morgens ein Patient anruft, der um elf einen Termin hat, und ganz offen fragt, ob er stattdessen erst um vierzehn Uhr kommen könne – er habe kurzfristig einen Friseurtermin bekommen, der ihm wichtig sei. Was den ehrlichen Anruf für meinen Coachee so herausfordernd macht, ist dabei nicht die Ehrlichkeit selbst – es ist der Aufwand, der dahinter entsteht. Für den Patienten klingt es simpel: elf Uhr oder vierzehn Uhr, wo ist das Problem? In der Praxis aber muss jeder Termin mit einer Vielzahl von Faktoren in Einklang gebracht werden – mit der Verfügbarkeit und der Spezialisierung der einzelnen Therapeuten, mit freien Behandlungsräumen, mit Urlaubszeiten und längst vergebenen Slots. Die Mitarbeiterin am Empfang, die die Terminplanung verantwortet, jongliert all das im Hintergrund. Häufen sich die kurzfristigen Verschiebungen, wächst ihr Aufwand spürbar – und obendrein muss sie immer öfter Gespräche mit Patienten führen, die schlicht nicht nachvollziehen können, warum ihr Wunschtermin nicht einfach machbar ist.
Solche Anrufe häufen sich, ganz ohne schlechtes Gewissen. Man kann das positiv sehen: Man fragt eben einfach. Aber früher, sagte mein Coachee, hätte man den Friseurtermin verschwiegen – aus Respekt. Das Verschweigen war eine Art zu sagen: „Euer Termin hat für mich einen Wert. Ich habe nicht einfach etwas Besseres zu tun." Genau dieses Signal fällt heute weg. Und das stimmt mich, ehrlich gesagt, nachdenklich.
Warum verschiebt sich das gerade jetzt? Meine Vermutung: weil Ehrlichkeit heute selten noch die verheerenden Folgen hat, die sie früher haben konnte. Wer offen sagte, was Sache ist, riskierte Jobverlust, Ausgrenzung, Kontaktabbruch. Diese Angst ist kleiner geworden. Und deshalb trauen sich Menschen, den Wert Ehrlichkeit tatsächlich zu leben, statt in die Diplomatie-Übertreibung auszuweichen. In vielen Gesprächen mit Menschen meiner Generation höre ich, dass wir anders sozialisiert wurden – und dass hier tatsächlich etwas Neues entsteht.
Die Kehrseite: Die Verbindlichkeit leidet ja trotzdem – denn wenn jemand zusagt und nicht liefert, verschwindet die Aufgabe nicht. Irgendjemand muss sie auffangen: die Führungskraft, die Kollegin, die Vertragspartnerin. Das gilt längst nicht nur im Hierarchieverhältnis, sondern genauso unter Kollegen. Überall, wo jemand auf der anderen Seite sitzt und etwas braucht, geht die Unverbindlichkeit zu dessen Lasten.
Ein Beispiel aus meiner eigenen Coaching Ausbildung, das mir nachging: Unsere Ausbildungsmodule finden im Wechsel in Präsenz und online statt, und auch online arbeiten wir mit einem Betreuungsschlüssel von etwa eins zu drei – auf drei Teilnehmende kommt ein Lernbegleiter aus unserem Ausbildungsteam. Die Teilnehmerzahl ist für uns also planungsrelevant. Eine Woche vor einem Online-Modul schrieb mir eine Teilnehmerin, sie überlege spontan, mit einer Freundin in einen Robinson Club zu fahren; sie wolle dort einen Surf Kurs machen. Ob sie am Modul Tag dabei sei, wisse sie erst am Morgen – je nachdem, ob es im Surf Kurs noch einen Platz gebe. Das war der Moment, in dem ich dachte: So flexibel möchte ich eigentlich gar nicht mehr sein. Nicht die Ehrlichkeit störte mich – die war vorbildlich. Es war die selbstverständliche Erwartung, dass ich als Ausbilderin mich flexibel auf ihre spontane Urlaubssituation einstelle.
Hier liegt das zweite Wertequadrat: Oben stehen sich Selbstfürsorge und Verlässlichkeit gegenüber – auch zwei Schwesterwerte, die einander brauchen. Übertriebene Selbstfürsorge kippt in Rücksichtslosigkeit: unverbindlich auf Kosten anderer. Übertriebene Verlässlichkeit kippt in Selbstaufgabe. Und ich gebe offen zu: Meine Generation stand oft zu weit auf der Seite der Selbstaufgabe. Ich wäre vor zwanzig, dreißig Jahren mit Kopfschmerzen, zu wenig Schlaf und zu viel Arbeit trotzdem erschienen. Das tun viele heute nicht mehr – und darin liegt eine gesunde Korrektur. Menschen achten deutlich mehr auf sich selbst, und das ist nichts Schlechtes.
Der wunde Punkt ist nur der Kipppunkt. Wenn ich unzuverlässig bin und zugleich erwarte, dass mein Gegenüber das umso flexibler kompensiert, dann verschiebe ich still die Last. Der Geschäftsführer mit dem „Ich fühl's heute nicht" ist dafür ein gutes Beispiel: Er kommt seinen Leuten enorm entgegen – Homeoffice, Job Rad, Sportmitgliedschaften, bis hin zur Frage, welche Milch in der Kaffeeküche steht. Er gibt viel. Und trotzdem war an diesem Morgen eine Grenze erreicht, bis zu dem Gedanken: „Eigentlich möchte ich gar keine Mitarbeitenden mehr haben." Selbstfürsorge des einen, an der Belastungsgrenze der anderen.
Wo Coaching beginnt
Beide Wertequadrate zeigen dasselbe: Die Lösung liegt nie in einem der Pole, sondern in der Balance. Nicht Ehrlichkeit gegen Diplomatie, sondern ehrlich und wertschätzend. Nicht Selbstfürsorge gegen Verlässlichkeit, sondern gut für sich sorgen und verlässlich bleiben. Das klingt einfach. In der konkreten Situation ist es das nie.
Genau hier beginnt für mich Coaching. Das Wertequadrat ist eines meiner liebsten Modelle – nicht, weil es kompliziert wäre, sondern weil es den Blick verändert. Wer gelernt hat, hinter einem Verhalten den dahinterliegenden Wert und seine Übertreibung zu sehen, urteilt anders. Er erkennt in Lenas „Ich fühl's heute nicht" nicht mehr nur die Zumutung, sondern auch den gesunden Kern – und kann trotzdem ruhig und klar eine Grenze setzen. In unserer Ausbildung zum Systemischen Business Coach beschäftigen wir uns im dritten Modul intensiv mit genau diesem Modell. Denn das ist es, was ich unter Coaching-Kompetenz verstehe: kein weiteres Werkzeug, sondern die Fähigkeit, Menschen und Situationen differenzierter zu sehen – und dann wirksamer zu handeln.
Zum Schluss
Vielleicht erleben wir also gar nicht das Ende der Verbindlichkeit. Vielleicht erleben wir das Ende der Notlüge – und zugleich die Einladung, Verbindlichkeit neu auszuhandeln: ehrlicher als früher, aber mit mehr Rücksicht, als der bloße Selbstbezug es nahelegt.
Die Frage, die ich Ihnen mitgeben möchte, ist deshalb keine über „die Jugend von heute". Es ist eine an uns alle: Wo sind Sie ehrlich, ohne rücksichtslos zu werden – und wo sorgen Sie für sich, ohne die anderen die Rechnung zahlen zu lassen?
Sie möchten lernen, Menschen und Situationen so differenziert zu lesen – und daraus eine professionelle Haltung zu entwickeln?
Genau das ist der Kern unserer Ausbildung zum Systemischen Business Coach. Wir arbeiten praxisnah, in kleinen Gruppen und mit intensiver persönlicher Begleitung – Coaching lernt man bei uns durch Coaching.
Hier geht es zu unserem Ausbildungsüberblick: https://www.hr-akademie-muenchen.de/ausbildung-coach/
